Zu Asterix 60. Geburtstag: Eine kritische Würdigung

Vor 60 Jahren erwachte mit Asterix eine der populärsten Comic-Figuren der Welt zum Leben. Der kleine Gallier nahm Millionen von Kindern und Erwachsene auf seine Abenteuer. Doch nicht immer ist alles lustig in dem kleinen Dorf. Spätestens dann nicht mehr, wenn es um Antisemitismus und Rassismus geht. Von Maximilian Riegel

Vor 60 Jahren erwachte eine der populärsten Comic-Figuren der Welt zum Leben: Asterix der Gallier. Gezeichnet von Albert Uderzo und bis 1977 von René Goscinny mit Wortwitz ausgestattet, eroberte Asterix zusammen mit seinem Kumpel Obelix Rom und die Herzen der Leser und Leserinnen. Zum Jubiläum gibt der Egmont Verlag nun einen Sonderband heraus. Eine Hommage mehrerer Comiczeichner, die dem Unbeugsamen huldigen. Ohne Zweifel, der kleine Asterix ist einer der ganz großen in der Comicwelt. Der Mix aus Esprit, Slapstick und witzig-karikierenden Beobachten von Gesellschaft und Politik machen die (meisten) Bände zu einem großen Lesevergnügen. Doch weil Asterix immer einen zwar humoristischen, aber auch kritischen Blick auf die Zeit hatte, in der die jeweiligen Bände entstanden, wurden auch die Comics immer kritisch gelesen.

Die wandernde Projektionsfläche 

Dabei stehen zwei Vorwürfe im Raum: Antisemitismus und Rassismus. Für einen vermeintlichen Comic für Kinder sind das zwei sehr gravierende Anschuldigungen. Vorab muss gesagt werden, dass die Vorwürfe dabei nicht die ganze Reihe betreffen, sondern lediglich einzelne Bände. Der Antisemitismus-Vorwurf bezieht sich auf den Band XIX „Der Seher“. Die Geschichte beginnt mit einem schlimmen Unwetter. Die Dorfbewohner verschanzen sich verängstigt in der Hütte des Häuptlings Majestix. Plötzlich erscheint der Seher Lügfix. Asterix durchschaut ihn sofort als Scharlatan, doch die abergläubischen Dorfbewohner glauben seinen angeblich visionären Kräften. Er verspricht ihnen die schönsten Dinge und kooperiert gleichzeitig mit den Römern, um die Gallier zu vertreiben. Am Ende durchschauen ihn schließlich auch die anderen des Dorfes und jagen ihn davon.

Die Figur des Sehers, ist dabei mit Elementen ausgestattet, die sich durchaus als antisemitische Stereotype interpretieren lassen. Wie die Figur des wandernden Juden Ahasveros wandert auch Lügfix heimatlos durch die Welt. Er ist dabei mit den typischen Attributen ausgestattet, mit denen auch die antijüdische mittelalterliche Sagengestalt versehen ist. Er ist mit einem Fell bekleidet, benutzt einen Wanderstab und predigt vor gutgläubigen Menschen. Er außerdem erscheint bei einem stürmischen Gewitter, das die Dorfbewohner fürchten lässt, dass ihnen bald der Himmel auf den Kopf fällt. Damit wird eine Verbindung zwischen Weltuntergangsszenario und dem Erscheinen einer vermeintlich jüdisch dargestellten Figur gezogen. Auch die Hakennase und die großen Ohren lassen sich bei ihm entdecken. Darüber hinaus ist er faul und raffgierig. In einem Panel, in dem er mit dem Fischhändler Verleihnix über den Lohn für seine Voraussagungen feilscht, rechnet er auswendig Wechselkurse aus.

Doch trotz all dieser klischeebeladenen Darstellungsweisen, kann man nicht behaupten, dass sie in bösartiger Weise erfolgen. Man muss schon sehr genau hinsehen, um gerade die physiognomischen Elemente wahrzunehmen. Mit den bekannten typischen antisemitischen Karikaturen, die so existieren, hat Lügfix nur wenig zu tun. Dennoch stellt sich die Frage, warum Uderzo und Goscinny sich entschieden, den Seher auf diese Weise darzustellen. Zumindest bei Goscinny, als Sohn jüdischer Eltern, muss davon ausgegangen werden, dass er die Parallelen zu antisemitischen Darstellungen kannte. Dennoch nahm er sie billigend in Kauf. Vermutlich, weil er sich auf seine hintergründig humoristische Art eben über den Antisemitismus lustig machen wollte. Seine Darstellung als wandernder Jude ist so dezent, dass sie gerade noch erkennbar ist, aber nicht so plump, dass sich jemand beim oberflächlichen Lesen in seinen antisemitischen Vorurteilen bestätigt sehen könnte. Lügfix dient hier als Projektionsfläche für antisemitische Ideen. Und Uderzo und Goscinny spielen genau damit. Bei ihnen kann jeder alles in Lügfix hineininterpretieren. Die Gallier lassen sich solange von ihm blenden, bis sie den Betrug mit eigenen Augen entdecken. Die Römer sollten ihn eigentlich festnehmen. Die römischen Seher hatten vorausgesehen, dass die gallischen Seher Cäsar ins Verderben stürzen würden. Nun streiten sich die römischen Soldaten darüber, ob sie ihn als Betrüger laufen lassen sollen, oder als echten Seher für ihre Zwecke einspannen. Jeder will etwas von Lügfix, nicht um seiner Person willen, oder dessen, was er vorgibt zu sein, sondern durch die je eigenen Projektionen auf seine Person. Am Ende ist selbst Lügfix verzweifelt und weiß nicht mehr, wer oder was er ist. Der Antisemitismus, in seiner wahnhaft widersprüchlichen Art wird so ad absurdum geführt. Die Juden sind für mächtig und Betrüger zu gleich. Je nachdem, wer spricht und welche Intentionen die sprechende Person hat, kann ‚’der‘ Jude alles sein. Somit ist „Der Seher“ kein antisemitischer Comic, sondern einer, der auf höchst vergnügliche Weise mit antisemitischen Stereotypen spielt und sich dadurch über sie lustig macht.

Gefangen im Repräsentationsregime

Etwas anders verhält es sich bei der Darstellung schwarzer Figuren. Hier werden stereotype Darstellung nicht dezent eingesetzt, sondern kommen mit der vollen Wucht. Der Pirat Baba ist der am häufigsten vorkommende Schwarze im Asterix-Kosmos. Er gehört zu jener Piratenbande, die regelmäßig von Asterix und Obelix versenkt wird. Unter anderem auch in dem Band „Der Seher“. Babas Figur ist tief aus der Mottenkiste der kolonialistischen Bilderwelt des Warenrassismus gegraben. Ohren, Augenwülste und Lippen sind stark ausgeprägt dargestellt. Durch diese Überzeichnung phänotypischer Merkmale werden schwarze Menschen klassischer Weise durch Weiße in lächerlich machender Art präsentiert. Der Soziologe Stuart Hall nennt das das „Repräsentationsregime“, das durch immer wiederkehrende Repräsentationspraktiken Differenz kenntlich macht und festigt. In „Der Seher“ wird Baba nicht nur Opfer einer rassistisch-überzeichneten Darstellung, sondern muss auch noch Wortwitze auf seine Kosten ertragen. In der Szene, in der die Piraten ertränkt werden, hält sich Baba auf einem Holz fest, das im Wasser treibt und flucht. Aus dem Rand des Panels ertönt eine Sprechblase: „Ach, riskier keine große Lippe, Mann!“ Dieses Panel dient allein dem Wortwitz auf Kosten des schwarzen Baba. Ein anderer Pirat, der Kapitän wäre beispielsweise als Verantwortlicher logischer gewesen, hätte nicht so dargestellt werden können, da der Wortwitz sonst nicht funktioniert hätte.

Der einzige Schwarze, der eine größere Rolle, im Asterix-Universum einnimmt, ist Duplikatha in „Die Trabantenstadt“. Cäsar plant eine Trabantenstadt rund um das gallische Dorf zu errichten, um die Gallier so mit der römischen Zivilisation vertraut zu machen. Dadurch soll ihr Widerstand gebrochen werden. Der Numide Duplikatha ist der Sprecher der Sklaven, die diese Stadt erbauen sollen. Duplikatha ist wie Baba stark überzeichnet dargestellt. Das besonders perfide an der Sache ist, dass Dupliktha als Numide eigentlich Nordafrikaner ist. Das er als ‚Schwarzafrikaner‘ dargestellt ist, lässt vermuten, dass Uderzo und Goscinny in der rassierten Vorstellung verhingen, dass Sklaven schwarz sein müssten. Damit übernehmen sie den Gedanken Hautfarbe und Funktion in Verbindung zu setzen. Eine dienende und ausgebeutete Funktion kann nur ein Farbiger übernehmen. Auch seine Kleidung steht in einer rassierten Tradition. Er trägt das Fell eines Leoparden oder Geparden. Damit wird er sowohl exotisiert als auch dehumanisiert dargestellt. Es ist das Fell eines fremden, exotischen Tieres und eben eines Tieres. Dadurch wird Duplikatha zu etwas tierisch-animalischen gemacht. Es ist die Gleichsetzung von angeblich weißer Kultur, gegenüber der schwarzen Natur. ‚Der‘ Afrikaner ist noch viel mehr der Natur verhaftet, vielleicht sogar ein Teil der Natur wie eben ein Tier, während der weiße Mensch durch zivilisatorische Kraft nach Höherem strebt.

Einfach über Bord werfen

Die Darstellung von Schwarzen verharrt bei dem Zeichner Uderzo also in einer kolonialistisch-rassistischen Weise. Zu Gute halten könnte man ihm, dass die beiden Bände in den 1970er erschienen. Einer Zeit, in der postkoloniale Debatten noch kaum eine größere Rolle spielte. Sein Partner Goscinny gilt zudem als Künstler mit humorvoller Lust an der Subversion. Dennoch, die Gelegenheit, sich wie bei dem Antisemitismus der Stereotypisierung zu bedienen und sie damit lächerlich zu machen, verpassen die beiden Künstler bei Duplikatha und Baba. Gravierender allerdings als bei Goscinny und Uderzo liegt der Fall bei Didier Conrad und Jean-Yves Ferri, die die Asterix-Reihe seit 2013 verwalten. Sie haben es nicht geschafft, sich von der rassierten Darstellungsweise zu verabschieden. In dem vor ein paar Wochen herausgekommenen Band „Die Tochter des Vercingetorix“ sieht Baba immer noch so aus wie bei Goscinny. Und in dem Band „Asterix in Italien“ (2017) strotz die Darstellung der beiden Rennfahrerinnen aus dem fernen Reich Kusch nur so vor Sexualisierung und Exotisierung. Hier würde man sich im Jahr 2019 mehr Sensibilität wünschen. Conrad und Ferri haben es geschafft, Asterix zu seinem 60. Geburtstag wieder Esprit und Witz einzuhauchen. Das ist eine große Leistung. Noch größer wäre sie aber, wenn sie mit überkommenen Darstellungsweisen das machen würden, was Asterix und Obelix mit den Piraten machen: einfach über Bord werfen. Den auch mit sechzig Jahren ist man dazu noch nicht zu alt.

Foto: Lin Mei [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

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