Wirtschaftskrise in Spanien: Der Albtraum vom eigenen Heim

In Spanien, wo ein Großteil der Menschen im Eigenheim wohnt, wurden die Einwohner besonders hart von der Immobilienkrise in den Jahren von 2002 bis 2008 getroffen. Vielen Familien, denen die Banken zuvor noch großzügig Kredite angeboten hatten, droht nun die Zwangsversteigerung. Von: VF

Vor drei Jahren platzte die spanische Immobilienblase. Zahlreiche Baufirmen meldeten Konkurs an. Viele Menschen verloren ihren Job, dann ihr Zuhause. (Foto: Joaquin Aranoa, Pixabay)

Isaac Montes hat seinen Lebenstraum im letzten Augenblick gerettet. Indem er einen unbefristeten Arbeitsvertrag unterschrieb. Das war an einem sonnigen Septembertag vor einem Jahr. Frischer Wind wehte, der heiße Sommer schien endlich vorbei. Der 33-Jährige erinnert sich noch genau. Es war wie ein Sechser im Lotto. Beinahe hätte er damals seine Eigentumswohnung verloren und noch viel mehr. Weil er den Kredit nicht zurückzahlen konnte. “Mein kleines Paradies”, nennt er seine Wohnung. Sie ist 70 Quadratmeter groß, liegt am Stadtrand von Malaga, im Süden von Spanien. Für sie stapelt er sechs Tage in der Woche sieben Stunden in einer staubigen Fabrikhalle am Rande eines Industriegebiets von Malaga Arzneimittel in Regale. Die Geschichte von Isaac Montes ist ein Drama und gleichzeitig ein Lehrbeispiel, um die spanische Krise zu erklären, die eine europäische werden könnte.

Kandidat für das Euro-Rettungspaket

Spanien gilt nach Portugal als das nächste Land, das von der Europäischen Union Finanzhilfe brauchen könnte, um vor dem Staatsbankrott gerettet zu werden. Das Problem ist die Wirtschaftsstruktur: Der Bausektor ist noch immer die wichtigste Säule, dabei ist er schon lange zusammengebrochen. Auch davon berichtet die Geschichte von Isaac Montes. Er erzählt sie mit leiser Stimme und gesenktem Blick, auf einem abgewetzten blauen Sofa in seinem Wohnzimmer. “Manchmal frage ich mich, was ich falsch gemacht habe“, sagt er. Dann macht er eine Handbewegung, so als würde er den Gedanken wegwischen wollen. Schlechte Stimmung kann er nicht gebrauchen. Denn der Kampf um seine Wohnung ist noch nicht zu Ende. Von seinen 1100 Euro Gehalt bleiben ihm im Monat nach Abzug der Hypothenraten gerade mal 400 Euro. Seinen Job darf er nicht verlieren.

550.000 Euro für ein altes Haus

Die Geschichte beginnt im Jahr 2003, als Isaac Montes gemeinsam mit seinen drei Geschwistern nach dem Tod der Mutter das Haus der Eltern erbte. Er, der Jüngste, lebte damals noch dort. Das Haus war alt und renovierungsbedürftig. Manchmal sprachen die Geschwister darüber, es zu verkaufen. Doch keiner von ihnen kümmerte sich jemals ernsthaft darum, auch Isaac Montes nicht. Er träumte zwar davon, später einmal eine eigene Wohnung am Strand zu haben, davon wie er sie einrichten würde, mit viel Holz an den Wänden und an der Decke und Terrakotta auf dem Boden. Doch er lebte lieber in den Tag hinein, ging an den Strand zum Volleyballspielen. Alles hätte so weiter laufen können. Doch dann kam die große Chance. Im Frühjahr 2007 klingelte ein Mann bei Isaac Montes. Er arbeitete bei einer Baufirma, ihn interessierte das Grundstück, auf dem das Haus der Eltern steht. “Wie viel wollen Sie?“ fragte der Mann Isaac Montes und fügte dann gleich an, “Was halten sie von 550.000 Euro?“ Er gab ihm eine Visitenkarte und verabschiedete sich. Die Geschwister hatten niemals geglaubt, jemals so viel Geld zu besitzen. Sie stammen aus einfachen Verhältnissen. Der Vater war Maler gewesen, die Mutter Köchin, das Haus hatten sie von den Großeltern geerbt.

Sie hatten damit gerechnet, 200.000 Euro für das Grundstück zu bekommen, höchstens. Sie berieten lange. Alberto, der Älteste, wollte nicht verkaufen. Er war zufrieden in seiner Mietswohnung, die großen Zahlen machten ihm Angst. Die beiden anderen wollten sich mit dem Geld den Traum einer eigenen Wohnung erfüllen; die Schwester in Málaga, Isaac Montés etwas außerhalb am Meer. Im August 2007 hatten Maria und Isaac Montes den großen Bruder überredet. Sie würden das Elternhaus verkaufen. Sie wählten die Nummer auf der Visitenkarte. Im September unterschrieben sie den Kaufvertrag. 180.000 Euro bekamen sie als Anzahlung. Die drei teilten das Geld auf, den Rest wollte die Baufirma nach sechs Monaten überweisen. Die Firma plante, den Bungalow der Großeltern abzureißen und an gleicher Stelle ein mehrstöckiges Haus zu bauen.

85 Prozent der Spanien haben ein Eigenheim

Isaac Montes: “Manchmal denke ich, mein Traum von der eigenen Wohnung hätte sich nicht erfüllen sollen.“ Die Hypothek muss er jetzt 29 Jahre abbezahlen. 

Seit dem Jahr 1985 wurde in Spanien hemmungslos gebaut. Die Banken gaben fast jedem einen günstigen Kredit, der in eine Immobilie investieren wollte. Wer konnte, kaufte noch eine zweite Wohnung dazu. Immobilien galten in Spanien als sichere Investition, eine Mietwohnung als Geldverschwendung. Rund 85 Prozent der Bevölkerung besitzt derzeit nach Angaben des spanischen Wohnungsbauministeriums ein Eigenheim. Innerhalb von zehn Jahren stiegen die Wohnungspreise im Durchschnitt um 500 Prozent. Anfang des Jahres 2008 war der spanische Immobilienboom vorbei, die Preise sanken, die Kreditzinsen stiegen. “Als wir den Vertrag unterschrieben, hatte ich kein gutes Gefühl“, erinnert sich Isaac Montes. “Der kühle Raum, der schleimige Vertreter der Baufirma, dieser edle Füller. Das war überhaupt nicht meine Welt.“

Trotzdem wagten er und seine Schwester Maria sich weiter vor in das Neuland. Mit dem Vertrag in der Hand beantragten sie bei der Bank einen Kredit für die Eigentumswohnungen, jeder 120.000 Euro. Weil beide keine Festanstellung hatten, gab ihnen die Bank keinen Ratenkredit. Sie sollten das geliehene Geld innerhalb eines Jahres zurückzahlen, die zwei Wohnungen und das Haus der Eltern als Pfand einsetzen. Die beiden willigten ein, in sechs Monaten würden sie schließlich die Restzahlung der Baufirma bekommen. Doch als ein halbes Jahr vorüber war, die beiden waren gerade in ihre neuen Wohnungen eingezogen, überwies ihnen niemand das fehlende Geld. Die Baufirma hatte Konkurs angemeldet, so wie allein in jenem Jahr mehr als die Hälfte der Baufirmen in Andalusien. Der Kaufvertrag war geplatzt.

Die Zwangsversteigerung droht

Für die Geschwister Montes begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Sechs Monate hatten sie noch, um den Kredit zurückbezahlen. Sollten sie das nicht schaffen, würden sie wahrscheinlich nicht nur ihre Eigentumswohnungen an die Bank verlieren, sondern auch das Haus der Eltern. Denn die Wohnungspreise waren mittlerweile stark gesunken, ihre Eigenheime nur noch ein Drittel des ursprünglichen Kaufpreises wert, anstatt 180.000 Euro nur noch knapp 120.000 Euro. Wenn sie die Wohnungen verkaufen würden, könnten sie die Kredite deshalb immer noch nicht vollständig zurückbezahlen. “Am Anfang waren wir noch ganz ruhig, wir dachten, dass wir das Haus schon irgendwie loswerden würden“, erzählt Isaac Montes. “Erst als wir merkten, dass keiner es wollte, bekam ich plötzlich Angst, alles zu verlieren. Ich hatte niemals im Leben solche Angst.“ Er sieht sich in seiner Wohnung um, mit großen Augen, so als könnte er immer noch nicht fassen, dass sie ihm noch immer gehört. Die Geschwister Montes versuchten zunächst eine andere Baufirma zu finden, die das Haus der Eltern übernehmen wollte. Sie riefen alle Unternehmen an, die sie im Branchenbuch finden konnten. Viele gab es schon nicht mehr, alle anderen sagten ihnen, sie riefen zum falschen Zeitpunkt an. Schließlich senkten sie den Preis, am Ende wollten sie nur noch 200.000 Euro für das Grundstück. Doch selbst dann sagten die Sekretärinnen der Baufirmen noch, es sei nicht der richtige Moment. Irgendwann war ihnen klar: Es gab niemanden mehr, der das Grundstück kaufen wollte. Sie brauchten eine andere Strategie, um ihre Wohnungen nicht zu verlieren.

Sie finden keine Stelle

Er ging mit seiner Schwester zu der Bank, die ihnen den Kredit gegeben hatte. Sie erklärten, was geschehen war. Der Berater reagierte kühl, sagte, er könnte versuchen, die Laufzeit des Kredits zu erhöhen. Dafür müssten die beiden aber einen unbefristeten Arbeitsvertrag  vorweisen. Mittlerweile war es Juni 2008, sie hatten noch drei Monate Zeit. Isaac Montes hatte schon seit Monaten keine Anstellung mehr auf dem Bau gefunden. Seit Anfang des Jahres gab es einfach keine Jobs mehr, allein im Jahr 2008 meldeten sich nach Zahlen des spanischen Statistikamts mehr als 150.000 Bauarbeiter arbeitslos. Auch in der Tourismusbranche gab es keine Arbeit mehr. Wegen der Weltwirtschaftskrise kamen immer weniger Urlauber. Isaac Montes und seine Schwester hatten kaum Chancen, jetzt eine Festanstellung zu finden. Dennoch schrieben die beiden Geschwister so viele Bewerbungen wie noch nie in ihrem Leben, Isaac Montes mehr als 70 Stück. Im September erzählte ihm ein Bekannter von der Arbeit als Lagerist. Er stellte sich vor, erklärte, wie wichtig der Job für ihn sei. Ende des Monats hatte er den unbefristeten Arbeitsvertrag, die Bank verlängerte die Laufzeit des Kredits auf 30 Jahre.

Die Schwester verliert die Wohnung

Zur gleichen Zeit bekam seine Schwester von der Bank die erste Mahnung. Sie hatte keinen Job gefunden. Im Oktober kam die zweite Mahnung, im November der Gerichtsvollzieher, im Januar wurde die Wohnung zwangsversteigert, zusammen mit dem neuen Fernseher, der neuen Küche und der neuen Wohnzimmereinrichtung. Maria Montes ist nicht allein, nach Schätzungen des spanischen Wirtschaftsministeriums werden 800.000 Menschen allein in diesem Jahr ihr Eigenheim verlieren, weil sie ihre Hypothek nicht mehr bezahlen können. Der Erlös der Zwangsversteigerung betrug nur 80.000 Euro. Maria Montes zahlt die fehlenden 40.000 Euro der Bank noch heute zurück. Sie wohnt jetzt wieder mit ihrem Freund in einer Mietswohnung und putzt auch am Wochenende Hotelzimmer, um den Kredit und die Miete zahlen zu können. Über das Haus der Eltern reden die drei Geschwister nicht mehr. “Manchmal denke ich, mein Traum von der eigenen Wohnung hätte sich nicht erfüllen sollen“, sagt Isaac Montes. Er scheint jetzt in seinem Sofa zu versinken. Er sieht nicht so aus, als hätte er Kraft für einen langen Kampf. Die Hypothek muss er noch 29 Jahre zurückzahlen.

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