Wenn der Jude nicht existierte

75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz greift der Hass auf Juden um sich wie lange nicht. An allen Orten müssen Menschen wieder Angst haben, weil sie sind wer sie sind. Was macht den Antisemitismus auch 75 Jahre nach dem deutschen Zivilisationsbruch so attraktiv für einige Menschen? Zeit einen Klassiker hervorzuholen, Zeit bei Sartre nachzulesen.

„Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand. Mehr noch: Sie präsentieren ihr antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit. Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt. Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten. […] Natürlich: Unsere Zeit ist nicht dieselbe Zeit. Es sind nicht dieselben Worte. Es sind nicht dieselben Täter. Aber es ist dasselbe Böse.“

Diese Worte sprach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am fünften World Holocaust Forum in Yad Vashem. Als Vertreter Deutschlands war er zum 75. Jahrestag der Befreiung Auschwitz in die Jerusalemer Gedenkstätte geladen worden. Er war als Vertreter des Landes der Täter im Land der Opfer. 75 Jahre sind vergangen seit der Hass auf Juden in eine industrielle Vernichtungsmaschinerie geführt hat, die historisch unvergleichbar ist. Seit ebenso vielen Jahren gedenken die Täter, deren Opfer und deren Besieger des Krieges und des Zivilisationsbruches Shoa. Doch ausgerechnet im 75. Jahr spürt man bei diesem Gedenken eine allgemeine Nervosität und Verunsicherung. Denn es zeigt sich, dass 75 Jahre nicht genug sind, um eine Idee zu überwinden, die seit mehreren tausend Jahren in den Köpfen der Menschen ihr Unwesen treibt.

27 Prozent aller Deutschen hegen antisemitische Gedanken und 41 Prozent denken, die Juden redeten zu viel über den Holocaust. Zahlen einer repräsentativen Umfrage des Jüdischen Weltkongresses.

Von den unter dreißig Jährigen wissen 22 Prozent nicht, dass Auschwitz-Birkenau ein Vernichtungslager war. Zahlen einer Umfrage der Körber-Stiftung zum Thema „Geschichtsunterricht“.

Im Dezember beschmierten Unbekannte im Elsass über hundert Grabsteine auf einem jüdischen Friedhof mit Hakenkreuzen.

In Frankreich glaubt ein Drittel, dass zwei Millionen Juden oder weniger in der Shoa ermordet wurden. 66 Prozent der Befragten kennen zwar Auschwitz-Birkenau, nur die wenigsten Franzosen können aber etwas mit den Namen Dachau, Buchenwald, Treblinka, Sobibor oder Bergen-Belsen anfangen. Zahlen einer Umfrage der Claims Conference.

Am 22. September wurde eine Frau während der zweiten Halbzeit des Spiels Eintracht Frankfurt gegen Borussia Dortmund in der Commerzbank-Arena aus dem Gästeblock als “Judenschwein” beleidigt und bespuckt. Alon Meyer, Präsident von Makkabi, dem jüdischen Sportverband Deutschlands, konsterniert: „Übergriffe werden fast alltäglich, die Hemmschwelle ist gesunken.“

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, warnt Juden davor, in Großstädten öffentlich eine Kippa zu tragen. Nach dem Anschlag in Halle säßen Juden in Deutschland zwar nocht nicht auf gepackten Koffern, aber man schaue, wo sie stehen.

In New York sind antisemitische Straftaten 2018 um 21 Prozent gestiegen. Ende 2019 gab es in der Stadt mehrere Gewaltverbrechen gegen Juden.

Nach Zahlen des französischen Innenministeriums sind die antisemitischen Handlungen 2019 um 27 Prozent gestiegen. 687 Mal kam es zu Übergriffen gegen Juden.

Der Antisemitismusbeauftragte, Felix Klein, sagt: „Ich glaube wirklich auch, dass Halle einen Einschnitt bedeutet, nachdem die antisemitische Bedrohung von niemandem in Deutschland mehr verneint werden kann – das ist ganz handfest Realität in Deutschland.“

Warum ist Antisemitismus immer noch so präsent. Warum muss ein französischer Jude ertragen, dass das Grab eines von ihm geliebten Menschen geschändet wird? Warum muss ein jüdischer Deutscher Angst davor haben, eine Kippa zu tragen?

Antisemitismus: Wahl, Leidenschaft, Weltanschauung

Der Antisemitismus, so lesen wir bei Jean-Paul Sartre in seinen „Überlegungen zur Judenfrage“ ist dreierlei Natur: er ist eine Wahl, eine Leidenschaft und eine Weltanschauung. Der Antisemit wählt sich den Juden als Feindbild aus. Denn die Erfahrung, ganz egal ob individuell oder kollektiv, wird keinen Begriff des Jüdischen als solchen hervorbringen, den es sich zu hassen lohnt. Der Jude ist vielmehr eine Idee. Er ist keine historische Tatsache, sondern „die Vorstellung, die sich die historischen Akteure vom Juden machten.“ Sartre bringt das Beispiel jüdischer und normannischer Rechtsanwälte. Kaum jemand würde sich beschweren, gäbe es zu viele Anwälte aus der Normandie. Bei überdurchschnittlich vielen jüdischen Anwälten wäre das anders. Es ist folglich die Idee des Jüdischen die entscheidend ist, nicht die sozialen und historischen Tatsachen. „Der Antisemitismus ist eine freie und totale Wahl, eine umfassende Haltung, die man nicht nur den Juden, sondern den Menschen im allgemeinen, der Geschichte und der Gesellschaft gegenüber einnimmt.“ Oder, wie es die Mutter des Attentäters von Halle, eine Ethiklehrerin, in Bezug auf ihren Sohn formulierte: „Er hat nichts gegen Juden in dem Sinne. Er hat was gegen die Leute, die hinter der finanziellen Macht stehen – wer hat das nicht?“

In dem der Antisemit sich den Juden als Feindbild erwählt, entscheidet er sich auch in einem Modus permanenter Leidenschaft zu leben. Es ist eine Leidenschaft des Zorns und der Erregung. Allerdings anders, als im herkömmlichen Sinne. Normalerweise werden Wut und Zorn hervorgerufen. Im Falle des Antisemitismus verhält es sich jedoch anders. Diese Leidenschaft geht den Tatsachen voraus, die sie erst entstehen lassen müssten. Der Antisemit interpretiert auf seine leidenschaftliche Art, um sich über das, was er findet, echauffieren zu können. „Seine geistige Tätigkeit beschränkt sich auf die Interpretationen: in den historischen Ereignissen sucht er Zeichen für die Präsenz einer bösen Macht.“ Dabei wird er zwangsläufig zu falschen Schlüssen kommen, doch das kümmert ihn nicht. Denn sie geben ihm Sicherheit und zementieren sein Weltbild. Sie schaffen ihm „die Beständigkeit des Steins“. Dadurch muss er sich nicht bewegen, er muss keine Veränderung zu lassen, er muss nicht nachdenken. Der Antisemit muss nicht nachdenken, welche Gründe es geben könnte, dass Staaten Kriege führen oder es wirtschaftliche Ungleichheiten gibt. Er ist „denkfaul“. Er glaubt zu wissen, dass die Juden dahinterstecken und das reicht ihm als Antwort. Darum kann der Jude auch vom Kapitalisten bis zum Kommunisten alles sein, was geht.

„Der Antisemit fürchtet sich vor der Erkenntnis, daß die Welt schlecht eingerichtet ist: man müßte ja dann erfinden, verändern, und der Mensch wäre wieder Herr seines eigenen Schicksals, beladen mit einer furchteinflößenden und unendlichen Verantwortung. Deshalb begrenzt er alles Übel der Welt auf den Juden. Wenn die Nationen Krieg führen, so nicht, weil der Gedanke der Nationalität in seiner gegenwärtigen Form Imperialismus und Interessenkonflikte impliziert. Nein, weil der Jude da ist, hinter den Regierungen Zwietracht säend. Wenn es einen Klassenkampf gibt, so nicht, weil die wirtschaftliche Organisationsform zu wünschen übrigläßt, sondern weil die jüdischen Rädelsführer, die krummnasigen Agitatoren, die Arbeiter verführt haben.“

Der Jude übernimmt die Funktion des Bösen. Der Antisemit kann sich dahingehend in den Bewahrer des Guten imaginieren. Dabei muss er nicht einmal heroisches tun. Denn die Juden sind niemals in einer wehrhaften oder dominanten Position. Der Jude ist fast immer schwächer als der Antisemit und darum diesem hilflos ausgeliefert. „Da das Böse für den Antisemiten von diesen hilflosen und so wenig furchterregenden Menschen verkörpert wird, ist er nie in der peinlichen Lage, ein Held sein zu müssen: es ist amüsant, Antisemit zu sein.“ Dabei weiß nur der Antisemit selbst, zu welchen Taten er bereit ist. Da die Leidenschaft nicht von außen provoziert ist, sondern a priori angelegt ist, kann niemand abschätzen, zu welchen Bösartigkeiten er bereit sein wird. Nur der Antisemit selbst weiß, bis zu welchem Grad er seinem Hass freien Lauf lässt. Eine abschätzige Bemerkung, das Rekurrieren auf einem Stereotyp, das Herunterschlagen der Kippa oder das Erschießen von Juden in einer Synagoge; nur der Antisemit weiß, ob er das eine heute und das andere morgen macht.

Das soziale Band des Zorns

Der Antisemitismus ist dabei aber nicht nur exkludierend. Er hat auch einen inkludierenden Faktor. Er schafft das Gefühle einer Zugehörigkeit. Der Antisemit ist ein Durchschnittsmensch. Einer, der sich vor der Einsamkeit fürchtet. Der Mensch entscheidet sich, Antisemit zu sein, weil man das nicht alleine sein kann. „Der Satz: ‚Ich hasse die Juden‘ gehört zu denen, die man in der Gruppe ausspricht; indem man ihn ausspricht, schließt man sich einer Tradition und einer Gemeinschaft an: der der Mittelmäßigen.“ Der Antisemitismus ist demnach der Versuch die eigene Mittelmäßigkeit aufzuwerten und eine elitäre Stellung zu erreichen. Elitär ist sie, weil der Jude sie niemals wird erreichen können. Auf Deutschland übertragen hieße das: Es ist egal, ob ein Jude oder eine Jüdin Goethe rezitieren kann, oder nicht. Selbst, wenn sie es besser kann als der Antisemit. Der Antisemit wird Goethe immer für sich beanspruchen, weil er und Goethe als Deutsche wesensverwandt seien. Versuchen Juden Goethe sich anzueignen, gleicht das den Antisemiten einem Angriff auf ihr Wesen. Die Juden rauben und zerstören die Kultur. Die Antisemiten, die sich als die Repräsentanten der Kultur sehen, können dadurch wiederum ihrer leidenschaftlichen Wut frönen. Die Gemeinschaft der Antisemiten wird folglich von negativen Gefühlen zusammengehalten. „Das soziale Band ist der Zorn; die Gemeinschaft verfolgt kein anderes Ziel, als eine diffuse repressive Sanktion gegen bestimmte Individuen zu richten.“

Der Antisemit braucht den Juden, oder anders formuliert, angesichts der Existenz der Juden, ist es mögliche Antisemit zu werden, wenn man das möchte. Es ist leichter ein klares Feindbild zu haben, nicht nachdenken zu müssen, einer Gruppe angehören zu können; „existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden“, wie Sartre in seinem berühmten Diktum formuliert. Der Antisemit jedoch, negiert damit sein eigenes Menschsein. Er lebt nur im Zorn auf andere und in der Furcht vor der Einsamkeit und der Orientierungslosigkeit der Welt.

Die Existenz des Juden „ermöglicht es dem Antisemiten, seine Ängste im Keim zu ersticken, indem er sich einredet, sein Platz auf der Welt wäre schon immer festgelegt gewesen, habe ihn erwartet und er habe aus der Tradition das Recht, ihn einzunehmen. Mit einem Wort, der Antisemitismus ist die Furcht vor dem Menschsein. Der Antisemit ist der Mensch, der ein unbarmherziger Felsen, ein rasender Sturzbach, ein vernichtender Blitz sein will; alles nur kein Mensch.“

(Bild: Yonderboy, Neoantisemismo, CC BY-SA 3.0)

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