Erinnerungskultur auf Spanisch

In Spanien wird erbittert um die Erinnerung gerungen. Ein neues Gesetz soll der Huldigung Francos ein Ende setzen. Doch ob es durchkommt ist fraglich. Denn für viele ist der Diktator immer noch ein Held.

Die spanische Regierung hat vor einiger Zeit ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Äußerungen, die die Franco-Dikatur verherrlichen, verbieten soll. Gerade für deutsche Ohren, die mit der spanischen Geschichte und Politik nicht vertraut sind, klingt das erstmal seltsam. War Francisco Franco doch neben Adolf Hitler und Benito Mussolini einer der drei furchtbaren faschistischen Diktatoren des europäischen 20. Jahrhunderts. Gerade in einer Demokratie innerhalb der Wertegemeinschaft Europäische Union sollte es da keine Nähe oder gar Verherrlichung der faschistischen Vergangenheit geben. Doch die Realität ist eine andere. Denn Spaniens Weg aus der Diktatur in die Demokratie ist ein anderer als der deutsche.

Von der Diktatur zur Demokratie

Spaniens Vergangenheitsbewältigung fällt unter das Schlagwort Transicíon, also Übergang. Nach Francos Tod gab es nicht so etwas ähnliches wie eine Stunde Null. Im Sinne einer Diskontinuität, eines absoluten Neustarts gab es das so für Deutschland natürlich auch nicht. Auch hier goss man das braune Wasser nicht weg, weil noch kein sauberes da war, wie es Konrad Adenauer in Bezug auf Hans Globke formulierte, seines Zeichen Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze und später Chef des Bundeskanzleramts. Doch die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen und die Etablierung einer profunden Erinnerungskultur gelang mit zeitlicher Verzögerung. In Spanien verlief die Geschichte anders. Franco brachte sich in keinem Bunker um und keine ausländische Macht intervenierte. Der Diktator starb nach mehreren Herzinfarkten und Operationen zwar nicht friedlich, aber doch zumindest nicht durch fremde Hände, was so viele Diktatoren auch nicht schaffen. Anschließend war es vor allem König Juan Carlos I, der den Weg in die Demokratie ebnete. Er vereitelte einen Putsch der Guardia Civil unter dem Befehl franquistischer Gefolgsleute und verzichtete selbst auf Herrschaftsansprüche. Doch die handelnden Akteure wurden nicht ausgetauscht oder mussten sich ihrer Verantwortung stellen. Sie blieben in den meisten Fällen die gleichen. Vor allem in der konservativen Partido Popular (PP) machten die Kader weiter, als wäre nichts geschehen. Eine kritische Aufbereitung der Ereignisse war nicht vorgesehen.

Die Frage nach dem Unrechtsstaat

Das änderte sich erst ab den 2000er Jahren langsam. Doch viele Spanier und Spanierinnen tun sich immer noch schwer damit, in dem Spanien Francos einen Unrechtsstaat zu sehen. Gerade die konservativen Parteien PP, Cidudadanos und die rechte Vox sowieso sehen in Franco eine Heldenfigur, der regelmäßig gehuldigt wird. Der Autor dieser Zeilen hat selbst 2015 in Granada einen Gedenkzug zu Francos Ehren erlebt. Circa 50 Männer und Frauen zogen nachts mit Fackeln und Hitlergruß durch die Straßen. Ein ebenso bizarres wie beängstigendes Erlebnis. Ende letzten Jahres ließ Madrids Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida Gedenktafeln für Opfer des Franco-Regimes entfernen, einige von ihnen wurden dabei zerstört. Die Tafel waren erst kurze Zeit vorher von seiner Vorgängerin Manuela Carmena in Auftrag gegeben. Der Abriss war eine von Martínez-Almeidas ersten Amtshandlungen. Er will nun eine neue Gedenkstätte aufbauen, an der auch die Namen von Franco-Anhängern stehen, die im Bürgerkrieg den Verteidigern der Demokratie zum Opfer fielen. Am meisten Aufregung gab es jedoch um das Valle de los Caídos. Dabei handelt es sich um ein gigantisches Mausoleum, das Franco von Zwangsarbeitern aus seinen Konzentrationslagern errichten. Nach seinem Tod wurde er dort bestattet und das Mausoleum wurde zu einem Wallfahrtsort für Ewiggestrige, Neo-Nazis und Anziehungspunkt für Black Tourism. Es bedurfte einer intensiv geführten Debatte und mehrere Gerichtsbeschlüsse, ehe die Regierung von Pedro Sánchez am 24. Oktober 2019 die Umbettung durchführen konnte. Franco liegt nun in einer Familiengruft auf einem staatlichen Friedhof. Der Gründer der faschistischen Partei Bewegung, José Antonio Primo de Rivera, liegt aber immer noch da.

Vor diesem Hintergrund ist nun das neue Gesetz zu sehen, das verherrlichende Äußerungen gegenüber der Franco-Zeit verbieten soll. Ob die Sánchez-Regierung es wirklich durchbringen kann, muss sich zeigen. Einige Intellektuelle halten es für längst überfällig. So schreibt die Anthropologin Rosana Pinheiro in „El País“: „Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist ein Grundrecht, aber es beinhaltet nicht das Recht, uneingeschränkt jeden Gedanken zu äußern: Meine Freiheit endet dort, wo sie den anderen einschüchtert oder verletzt. […] Nazi-Regime müssen verurteilt und abgelehnt werden.“ Rechte und konservative Kräfte werden dagegen alles mobilisieren, was sie können, um das zu verhindern. Doch auch von linker Seite kommt eine ganz grundsätzliche Kritik. Philosophieprofessorin Clara Serra warnte davor, die Meinungsfreiheit einzuschränken, da man sich damit der Methoden rechter Politik bediene.

Von Spanien lernen

Die Debatte um die richtige Erinnerungskultur ist dabei keine, die nur für Spanien relevant wäre. In Deutschland täte man gut daran, sie aufmerksam zu verfolgen. Die Verbrechen Francos sind nicht mit dem deutschen Zivilisationsbruch vergleichbar. Franco hat keinen Genozid begangen und keinen Weltkrieg angefangen. Auch darum ist die Erinnerung an die Zeit in Deutschland eine andere als in Spanien. Sie ist zu einem identifikatorischen Bestandteil geworden, zu einer speziellen Verantwortung. Doch auch hier sehnen sich immer mehr Menschen nach einem wie auch immer gearteten Schlussstrich und das vor dem Hintergrund einer immer stärker werdenden Partei, die am liebsten die deutsche Geschichte so erzählen würde: zwischen 1933 und 1945 besiegte die Wehrmacht ein paar Länder, verlor trotzdem irgendwie den Krieg, aber ansonsten passierte nicht viel. Während sich Spanien also einer kritischen Erinnerungskultur annähert, muss man in Deutschland Angst haben, dass wir uns davon wieder ein Stück wegbewegen. Von Spanien lernen heißt in diesem Fall, lernen, dass Erinnerung harte Arbeit ist. Und das man sich erinnern wollen muss.

Foto: fr:Utilisateur:Georgio, Plaque generalisimo, Ausschnitt, CC BY-SA 3.0

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