Ausländische Künstler in Spanien: Die Künstlerkommune in den Bergen

Jedes Jahr im Mai finden im kleinen spanischen Dorf Gaucín die Tage der Offenen Ateliers statt. Hier treffen international anerkannte Künstler zusammen, um ihre Kunstwerke auszustellen. Von: VF

In dem kleinen Dorf Gaucin in Spanien stellen Künstler unterschiedlichster Nationen ihre Werke aus (Foto: Gwen Fran, flickr, CC BY-SA 2.0)

Weil die Auswanderer ihre Liebe zu der kargen Landschaft, die das Dorf umgibt, mit Bewohnern und Besuchern teilen wollen, organisieren sie regelmäßig als Kollektiv “Art Gaucín” Open-Studio-Tage.

Die Irin Anna Mac Grave ist zufrieden. Wieder einmal hat sie es geschafft, dass die Ateliers all ihrer Künstlerfreunde der Gruppe “Art Gaucín” an einem Wochenende gemeinsam geöffnet hatten. Es ist nicht einfach, denn die meisten Maler, Bildhauer und Fotografen wohnen nicht immer in dem ruhigen Bergdorf, sondern verbringen viel Zeit in den Großstädten ihrer Heimatländer. Mac Grane hat gerade die Koordination der Gruppe inne, die Mitglieder geben das Amt turnusgemäß weiter.

Erschöpft, aber glücklich steht sie in ihrem Studio. Es ist ein geräumiges Steinhaus etwa fünf Kilometer südlich von Gaucin in einer Talsenke. Gleich wird sie zum ersten Mal die Tondrehscheibe ausprobieren, die ihr Mann ihr geschenkt hat. Der sitzt gemütlich im Haupthaus und liest in einem Buch. Die Mac Granes sind im Rentenalter nach Südspanien gezogen. Auch Michael Roschlau und seine japanische Freundin Nozami hatten den ganzen Tag Besuchern ihre Haustür geöffnet. Wenn in Gaucin ein oder zwei Mal im Jahr die Künstler in ihren Werkstätten ausstellen, ist das Atelier Roschlau, das mitten in der Altstadt des Dorfs liegt, eines der Highlights. Die filigranen Traumlandschaften der Japanerin neben den skurrilen und schonungslosen Collagen des Deutschen üben eine besondere Anziehungskraft aus. 

Ideale Bedingungen zum Malen

Roschlau, früher Universitätsprofessor an der Kunstakademie in Glasgow wohnt schon seit sieben Jahren in dem weißen von der Bauwut unberührten Dorf am westlichen Eingang der Serranía de Ronda. Seine Lebensgefährtin Nozami hat er vor ein paar Jahren bei einem Spanischsprachkurs in Ronda kennengelernt. Die Sprachwissenschaftlterin hatte bis dahin noch nie daran gedacht, sich dem Malen zu widmen. Doch heute lebt auch sie von ihren Pinselstrichen. Sogar in Hongkong hat sie schon ausgestellt. Fragt man Roschlau, wieso er nach Gaucín gekommen ist, überlegt er einen Moment, sagt, “das war Zufall”. Schließlich geht er an das große Fenster seines Wohnzimmers, von dem man aus das Meer und die abfallende Hügellandschaft sehen kann. “Das Licht und die Farben”, sagt er, “die sind hier zum Malen einfach ideal.”

Fragt man den Spanier Paco Benítez, wieso so viele ausländische Künstler seinen Geburtsort zum Leben aussuchen, kommt die Antwort schneller. “Gaucín war schon immer beliebt bei den Ausländern. Der Ort liegt genau auf der Route des Camino de los Ingleses”, sagt Paco und beginnt dann eine lange Rede über die Schönheit seines Dorfs, über die perfekte Lage und über die Rolle in der Geschichte. Keine Frage: Benítez ist in seine Heimat verliebt. Schließlich kommt auch er auf das Licht und die Farben zu sprechen. Auch der Spanier ist Künstler. Er malt, fotografiert und formt Skulpturen aus Ton. Auch er öffnet die Türen seines Ateliers, wenn Anna Mac Grane ihre Truppe zusammen trommelt. Die Terminfrage ist für ihn kein Problem. Er ist sowieso immer da. “Wenn sie nicht so darauf gedrängt hätten, hätte ich nicht mitgemacht”, sagt Benítez.

Ein lokaler Künstler ist dabei

“Wir wollten unbedingt, dass jemand aus Gaucín mitmacht. Schließlich wollen wir mit der Dorfgemeinschaft zusammenarbeiten“, erklärt Anne Mac Grane. „Aber es gibt leider niemanden außer Paco keinen Künstler. Damit mehr Dorfbewohner kommen, sind unsere Plakate und Handzettel auch auf Spanisch – nicht nur auf Englisch – erschienen. Die überwiegende Mehrheit der Bewohner von Gaucín sind Handwerker. Im Morgengrauen steigen sie in ihr Auto und fahren an die Costa del Sol, verrichten dort ihre Arbeit und fahren am Abend wieder ins Dorf hinauf. Vielleicht schauen sie dann noch in eine der Kneipen, aber meistens sind sie selbst dafür zu müde.”

“Organic food”, “For sale” und “English Newspaper” Schilder sieht man heute in den Schaufenstern der wenigen Geschäfte in Gaucín immer häufiger. “Als ich hier ankam, dachte ich, außer uns gebe es hier nur Spanier”, lacht Anne Mac Grane heute über sich selbst. “Wir wurden bald eines besseren belehrt.” Mehrere hundert ausländische Residenten sind in der 7.000 Seelen-Gemeinde Gaucín registriert. Der Großteil davon sind Künstler. Mac Grane lernte bei ihren Einkäufen bald Michael Roschlau, Nozomi und alle anderen kennen.

Strenge Aufnahmekriterien

Nicht jeder Kreative wird in die Künstlergruppe Artgaucín aufgenommen. Alle Mitglieder stimmen demokratisch darüber ab, ob der Anwärter das Zeug dazu hat, an den Open-Studio-Days teilzunehmen. Einige wurden schon abgelehnt. “Wir wollen den Besuchern schließlich wirklich gute Kunst bieten”, sagt Anna Mac Grane.

Meistens halten die 20 Gaucíner Künstler bei den Offenen-Ateliers-Tagen vergeblich nach einheimischen Kunstliebhabern Ausschau. Die meisten Besucher sind Urlauber und Residenten von der Küste, dort liegt schließlich auch das Kapital für die gehobene Kunst aus Gaucín. Nur in der Werkstatt von Paco Benítez sind an den Ateliertagen auch viele Spanier. Seine Bilder, die er gern auf ausrangierte Türen malt, gehen an dem Open-Studio-Tag vielleicht etwas unter. Anstatt Verkaufsgespräche führt er öfter Diskurse über die Schönheit seiner Heimat mit seinen Freunden aus dem Dorf.

www.artgaucin.com 

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on pinterest
Pinterest