Zum Unwort ein Wort

Das Unwort des Jahres ist “Klimahysterie”. Die Jury hat damit einen Volltreffer gelandet. Denn er unterminiert wissenschaftliche Erkenntnisse und offenbart sexistische Stereotype. Von Maximilian Riegel

Klimahysterie ist es also geworden, das Unwort des Jahres 2019. Die Jury hat damit einen Volltreffer gelandet. Denn der Begriff ist vor allem eines: perfide. Denn der Begriff diskreditiert nicht nur eine der beeindruckendsten Protestbewegungen der letzten Jahrzehnte. Er spuckt all jenen Wissenschaftlern ins Gesicht, die seit Jahrzehnten vor den Gefahren der Klimakrise warnen. Aus ihren wissenschaftlichen Arbeiten macht er Krankenakten. Wer hysterisch ist, dem muss man nicht zuhören. Wie froh wären die Experten und Expertinnen vielleicht sogar insgeheim, wären die verantwortlichen Politiker und Politikerinnen hysterisch geworden. Dann hätte sich vielleicht sogar wirklich schon vor Jahren etwas bewegt, in Sachen Klima- und Umweltschutz. Doch das Gegenteil ist der Fall. Gehört wurden die Experten und Forscherinnen, doch verstanden wurden sie nicht, beziehungsweise bewusst ignoriert. Es musste erst ein 16-Jähriges Mädchen aus Schweden kommen, die so viele andere junge Menschen begeisterte, ihren Weg zu gehen, bis wirklich Bewegung in die Debatte kam.

Das Revival sexistischer Stereotype

Ob der Begriff Klimahysterie auch solch einen Aufwind bekommen hätte, wäre Greta kein Mädchen, sondern ein Junge? Gewiss, das Wort Klimahysterie wird schon länger benutzt, um sich nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinandersetzen zu müssen. Doch in der breit geführten Debatte wurde es nie so häufig verwendet, wie 2019, dem Jahr der Greta Thunberg. Einem Mann, und sei er noch so jung, würde vermutlich kaum jemand Hysterie unterstellen. Dieses aus der Pathologie entlehnte Wort ist im allgemeinen Sprachgebrauch Frauen vorbehalten. Vorzugsweise Frauen, denen unterstellt wird, nicht ausreichend in den Genuss männlicher Berührungen zu kommen, kurz: die „untervögelt“ seien. Klimahysterie offenbart darum nicht nur eine Blindheit und Ignoranz für berechtigte Befürchtungen, sondern auch einen unverhohlenen Sexismus. Gerade, wenn demgegenüber der Ruf nach Vernunft im Klimadiskurs eingefordert wird. Die typischen Geschlechterstereotype des vernünftigen Mannes gegenüber der hysterischen Frau bekommen hier ein Revival, das ihnen kein aufgeklärter Mensch gewünscht hat.

„Ökodiktatur“, der Schlag ins Gesicht

Schlimmer ist nur der Begriff der „Ökodiktatur“, der sich nicht minder als Unwort angeboten hätte. Er schlägt all den Menschen ins Gesicht, die tatsächliche jemals unter einer echten Diktatur leiden mussten und müssen. Was ist der Verzicht von ein paar Km/h durch ein Tempolimit gegenüber dem Verlust von Meinungsfreiheit und Menschenwürde? Nichts! Als würde ein klimabewussteres Leben wirklich die Freiheit einschränken. Das Gegenteil ist der Fall. Klimabewusstsein ist keine Einschränkung der Freiheit, vielmehr ist es ein Ermöglicher von Freiheiten zukünftiger Generationen, die durch die Klimakrise beschnitten würden. Menschen, die durch sich ausbreitende Dürren, Unwetter und Krankheiten geplagt werden. Wer von „Ökodiktatur“ spricht, offenbart ein Freiheitsverständnis, das die Nächsten ausschließt.

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