Vor 50 Jahren schloss Bonn das Anwerbe-Abkommen mit Ankara: “Gastarbeiter” in Deutschland

Vor 50 Jahren kamen die ersten sogenannten Gastarbeiter nach Deutschland. Das damals von der Bundesregierung geplante Rotations-System funktionierte nicht so, wie es sollte und die meisten der Gastarbeiter blieben im Land, wo es einige von ihnen zu großem Ruhm schafften. Ein Artikel zum Jubiläum des Anwerbe-Abkommens mit Ankara. Von: KS

  • Donnerstag, 18. Juli 2019
Mesut Özil hat es geschafft: Seit 2010 ist er bei Real Madrid unter Vertrag und seit 2009 Mitglied der Deutschen Nationalelf. (Foto: By Alejandro Ramos – originally posted to Flickr as Ozil, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11571528)

Vor mehr als 50 Jahren kamen die ersten Gastarbeiter nach Deutschland. Und viele Betroffene, Sozialwissenschaftler, Unternehmer oder Politiker zogen später in der Rückschau ein Fazit, das unter der Überschrift steht: “Am Ende war es ein falsches Leben”.

Die ersten kamen zunächst keineswegs aus eigenem Antrieb, sondern wurden gerufen ins Wirtschaftswunderland Bundesrepublik Deutschland, dem die Arbeitskräfte ausgingen. Vor 50 Jahren, Ende Oktober 1961, schloss Bonn das Anwerbe-Abkommen mit der Türkei, aber schon 1955 war eine solche Vereinbarung mit Italien getroffen worden, dem 1960 zwei weitere Vereinbarungen mit Spanien und Griechenland folgten.

Als Rentner gebrechlicher als Deutsche

“Wir riefen Arbeiter, und es kamen Menschen”, hat der Schriftsteller Max Frisch einmal festgestellt. Aber die langfristigen Folgen der Arbeitsmigration, auf die Max Frisch wenig verschlüsselt hingewiesen hatte, wurden in den 50er und 60er Jahren von der Politik nicht erwogen. Das hat inzwischen vielfältige Nachwirkungen. Heute sind die ehemaligen Gastarbeiter der ersten Generation Rentner, in der Folge ihrer schweren Arbeit im Durchschnitt kranker als gleichaltrige Deutsche. 1993 waren 350.000 Ausländer in Deutschland älter als 60 Jahre. Nach Schätzungen der Bundesregierung sind es im Jahr 2011 rund 1,3 Millionen.

Die “Rotation” zog nicht

Sicher, als die Bonner Regierung unter dem wachsenden Druck der Wirtschaft die Ausländer ins Land rufen ließ, ging man davon aus, dass diese “Gastarbeiter” nur kurzfristig in Deutschland bleiben und dann in ihre Heimatländer zurückkehren würden. Anfangs funktionierte dieses Rotationsprinzip auch: Zwischen 1961 und 1987 stand einer Zuwanderung von 15 Millionen eine Abwanderung von elf Millionen gegenüber.

Aber im Laufe der Jahre entsprach diese Rotation immer weniger den Interessen der Ausländer – und auch der Betriebe, die die nunmehr “qualifizierten”, sprich eingearbeiteten Arbeitskräfte halten wollten. So wurden aus kurzfristig angeheuerten Arbeitern langfristig genehme Arbeitnehmer, die in dieser Abfolge dann auch ihre Familien nachkommen ließen. Über die Jahre wuchs so die Zahl der ausländischen Bevölkerung von 79.697 im Jahr 1955 auf 2.595.000 in 1973. Dies entspricht einer Verdreißigfachung binnen 18 Jahren.

Aufschwung ungekannten Ausmaßes

Sie waren aus den armen Mittelmeer-Anrainerstaaten Italien, Spanien, Griechenland, aus der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien oder Jugoslawien gekommen. Aus Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit, niedrigen technologischen Standards, aus Ländern mit einem Überangebot an ungelernten Arbeitskräften, mit Wirtschaftskrisen und instabilen politischen Verhältnissen.

Sie kamen in ein Land, in dem Mitte der 50er Jahre ein wirtschaftlicher Aufschwung ungekannten Ausmaßes eingesetzt hatte. Ein Land mit ständig steigendem Arbeitskräftebedarf, der nicht mehr gedeckt werden konnte. Die Gründe dafür waren vielfach: Dazu gehörten die Verlängerung der Ausbildungsdauer, Arbeitszeitverkürzungen, das Nachrücken geburtenschwacher Jahrgänge infolge kriegsbedingter Überalterung, die 1956 neu einsetzende Wehrpflicht – und schließlich, im Jahr 1961, das Versiegen des Flüchtlingsstroms aus der DDR nach dem Bau der Mauer.

Anwerbestopp nach der ersten Ölkrise

Kurz nach der Ölkrise Anfang der 70er Jahren, verfügte Helmut Schmidt den Anwerbestopp. (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F048644-0025 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5456900)

Doch das Wirtschaftswunder neigte sich dem Ende zu: Nach der ersten Wirtschaftsrezession in 1966/67 kamen die ersten politischen wie wirtschaftlichen Alarmsignale, und 1973, nach der ersten Ölkrise, verfügte die sozial-liberale Regierung unter Helmut Schmidt den Anwerbestopp. Die Zahl der Gastarbeiter hatte zu jener Zeit mit 2,9 Millionen Menschen einen Höhepunkt erreicht.

Aber viele Ausländer blieben und holten ihre Familien nach. Als Anfang der 80er Jahre die Arbeitslosenzahlen anstiegen, wurde mit dem Rückkehrförderungsgesetz von 1983 der Versuch unternommen, die Gastarbeiter zur Rückkehr zu bewegen. Das war vielfach vergebliche Liebesmüh, denn viele entschlossen sich zur Integration.

Armando Rodriques de Sá aus Portugal

Integration? Hierzulande galten und gelten sie weiter als Ausländer und daheim als “Deutschländer”. Einsamkeit ist für sie im Alter das große Problem. Mit dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben brachen für viele der jetzt Älteren die Kontakte zu Deutschen fast gänzlich ab. Isolation statt Integration also. Als im Jahr 1964 der einmillionste Gastarbeiter kam, es war der Arbeiter Armando Rodriques de Sá aus Portugal, da wurde er gefeiert und erhielt ein Moped als Geschenk. Das Bild von dieser Szene kann man sich heute im Bonner “Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland” anschauen. Der Arbeiter Armando ist 1970 wieder in die portugiesische Heimat zurückgekehrt. Ihm blieb die Isolation unter den Deutschen erspart. Er musste nicht das Fazit ziehen: “Am Ende ein falsches Leben”.

An solchen Entwicklungen ändert auch die Tatsache nichts, dass Einwanderer der zweiten und dritten Generation – vorzugsweise Türkischstämmige, zu Glückskindern werden können. Wenn sie deutscher Fußball-Nationalspieler werden, bei Real Madrid spielen und auf dem Weg zum Millionär sind. Wie der 23 Jahre alte Mesut Özil beispielsweise.

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on pinterest
Pinterest