Ein unangemessener Witz beim Meeting, eine auffällige Berührung auf der Weihnachtsfeier – sexuelle Belästigung kann viele Formen annehmen. Nicht erst seit #MeToo gibt es Berichte, Maßnahmen und Untersuchungen zu dieser Art der Grenzüberschreitung. Neue Studien geben Hinweise, weshalb es so schwer ist gegen Übergriffe vorzugehen.  

Manchmal passiert es so schnell, dass man zu perplex für eine Reaktion ist – ein Klaps auf den Po, ein schlüpfriger Kommentar, eine eindeutig zweideutige Einladung zum Abendessen. Diejenigen, die sich in solchen Situationen wiedergefunden haben, wissen um die Macht der Taten – das Verhältnis zum Arbeitsplatz verändert sich, man fühlt sich unwohl, oft hilflos. Jede achte Frau und jeder zwanzigste Mann haben in den vergangenen Jahren solche Momente laut einer neuen Studie der Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes erlebt. Dafür wurden 1.517 Personen telefonisch befragt. 

Bei 70 Prozent der betroffenen Frauen und 38 Prozent der Männer handelte es sich dabei um verbale Grenzüberschreitungen – doch bei jeder vierten Betroffenen und 29 Prozent der männlichen Opfer war die sexuelle Belästigung körperlicher Natur: sie erlebten unerwünschte Berührungen und körperliche Annäherungen. Jeder vierte Mann und jede fünfte Frau unternahm nichts infolge der Übergriffe. 

Besonders interessant ist die Studie in Hinblick auf die Opfer-Täter-Struktur. Am häufigsten berichteten Frauen darüber, dass die Übergriffe von Kunden oder Patienten ausgingen – also Personen, auf die ihre Arbeit abzielt. Auffällig ist, dass dies am ehesten in der Sozial- und Gesundheitsbranche passiert. In solchen Fällen ist es besonders schwer gegen strukturelle Muster vorzugehen – die Täter sind schließlich kein Teil der Organisation. Vorgesetzte können Frauen aus Projekten abziehen, in denen es zu Grenzüberschreitungen kam, oder das Projekt kündigen. Doch besonders Situationen, in denen Schutzbedürftige übergriffig werden, sind schwerer zu lösen. 

Laut ADS-Studie waren bei Übergriffen gegenüber Frauen die Täter in 23 Prozent der Fälle die Vorgesetzten, im Gegensatz zu sieben Prozent bei den Männern. Allerdings ist die Datenlage der Studie bei dieser Frage dünn ist (86 befragte Frauen, 30 befragte Männer). Aufschlussreicher ist dagegen eine Untersuchung der Fondation Jean Jaurès und der Foundation for European Progressive Studies in Brüssel. In ihrem Auftrag befragte das Marktforschungsinstitut Ifop im April 2019 jeweils rund 1.000 Frauen über 18 Jahren aus Frankreich, Deutschland, Spanien, Italien und Großbritannien zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz mit einem Online-Fragebogen. 

68 Prozent der deutschen Frauen gaben in dieser Erhebung an in ihrem Leben schon einmal Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz geworden zu sein – ein starker Kontrast zu den 13 Prozent in der ADS-Studie, die sich jedoch zum Teil durch die zeitliche Einschränkung und die Befragungsart erklären lässt. Ältere Frauen können sich demnach nämlich auch auf Fälle berufen, die sich vor Jahrzehnten ereignet haben. Wird der Zeitraum nämlich auf 12 Monate eingegrenzt, berichten 23 Prozent der deutschen Frauen über sexuelle Übergriffe. 

In der Langzeitbetrachtung der Brüsseler Organisationen waren für die meisten Formen der sexuellen Übergriffe Vorgesetzte zu 20 Prozent oder weniger verantwortlich – Kunden und sonstige externe Parteien hingegen machen rund die Hälfte der der Täter aus. Je nach Verhaltensmerkmal berichten zwischen 21 und 35 Prozent der Frauen sexuell übergriffiges Verhalten von Kollegen – am häufigsten in Form von anzüglichen Witzen, Kommentaren über das Aussehen oder leichten Berührungen, die als unangenehm empfunden werden. 

Laut ADS geben zwar rund zwei Drittel der Betroffenen an, sich nicht bedroht gefühlt zu haben, dafür werden Erfahrungen mit sexuellen Grenzüberschreitungen als belästigend empfunden, nicht selten auch als erniedrigend. Die krassen Fälle von (Macht-)Missbrauch, Erpressung von sexuellen Diensten und körperlichen Übergriffen passieren – jedoch zu einem durchaus geringeren Anteil als verbale Belästigung. 

Dies sollte jedoch nicht zum Trugschluss führen, dass die Situation „nicht so schlimm“ sei und Betroffene bei Anzüglichkeiten schlicht „darüberstehen müssten“. Neben der Pflicht von Arbeitgebern die Unversehrtheit – dazu gehört auch die emotionale Dimension – ihrer Arbeitnehmer am Arbeitsplatz zu schützen, sollte es auch in ihrem unternehmerischen Interesse sein, ein gut funktionierendes Arbeitsumfeld zu schaffen. 

Dazu gehört auch der Blick jenseits des engen Kreises – herablassendes und respektloses Verhalten von externen Personen kann besonders in Berufen, die auf den Austausch mit Kunden oder Patienten abzielen, zu einem großen Problem werden. Es ist leichter gegen Mitarbeiter vorzugehen, als gegen Kunden oder Patienten. Sowohl Betroffene als auch Vorgesetzte sind in solchen Situationen vor schwere Herausforderungen gestellt. Der Versuch ethische Prinzipien gegen monetären Gewinn gegenüberzustellen, wird in der Realität häufig zu einer Zerreißprobe. 

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