„Es ist ernst“

Zum ersten Mal in ihrer Amtszeit wandte sich Angela Merkel in einer Fernsehansprache direkt an das Volk, an uns. Dabei appellierte sie an Verstand und Solidarität. In der Hoffnung, die Menschen fangen an zu begreifen. Ein Kommentar.

  • Donnerstag, 19. März 2020 / Maximilian Riegel

Noch gibt es sie nicht, die Ausgangssperre. Was in Frankreich und Italien schon Alltag ist, lässt in Deutschland noch auf sich warten. Und ginge es nach der Kanzlerin sollte das auch so bleiben. Zum ersten Mal in ihrer Amtszeit wandte sich Angela Merkel jenseits der traditionellen Neujahrsansprache an das Volk, an uns. Es war eine historische Ansprache in außergewöhnlichen Zeiten. Und es war eine bewegende Ansprache. Derzeit gehen ja viele Gewissheiten verloren. Supermärkte sind immer voll, Berlin ist eine Partystadt, mit dem deutschen Pass kann man überall einreisen und Merkel übernimmt innenpolitisch keine Führung und bewegt nichts. Nichts davon gilt mehr.

Merkel hat mit ihrer Ansprache Führung übernommen und sie hat klar gemacht, dass sie es bitterernst meint. „Es ist ernst. Nehmen sie es auch ernst.“ Es ist der verzweifelte Versuch einer Naturwissenschaftlern an Sinn, Verstand und Logik zu appellieren. Wer sich so viel von Experten beraten lässt und gleichzeitig auf die eigene Gesundheit schauen muss wie sie, die kann kaum verstehen, wie Menschen immer noch auf Abstand und Hygiene pfeifen. Auch ein Kopfmensch wie Merkel weiß um das Verlangen nach Trost und Nähe in diesen Zeiten. Das brachte sie auch zum Ausdruck. Aber die Kanzlerin weiß auch um die Konsequenzen dieser Bedürfnisse. Darum fasste sie die Umkehrung aller Gewissheiten in einem Satz zusammen: „Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge.“

Neben dem Appell an den Verstand enthielt ihre Ansprache aber auch eine unmissverständliche Warnung. Wenn wir unser Verhalten nicht ändern, dann wird es Maßnahmen geben, wie in Frankreich oder Italien, dann werden wir zu Hause bleiben müssen. Es war einer der stärksten Momente ihrer Rede, als sie auf die eigenen Erfahrungen in der DDR zu sprechen kam. „Für jemandem wie mich, für die Reise- und Bewegungsfreiheit ein schwer erkämpftes Recht waren, sind solche Einschränkungen nur in der absoluten Notwendigkeit zu rechtfertigen. Aber sie sind im Moment unverzichtbar, um Leben zu retten.“ Und sie hob zu einem Rekurs über Demokratie und die offene Gesellschaft an. „Wir sind eine Demokratie. Wir leben nicht von Zwang, sondern von geteiltem Wissen und Mitwirkung.“ Ein Satz, der in die Geschichtsbücher eingehen wird. Aber Merkel machte deutlich, dass dies nur so lange gelte, wie sich alle solidarisch verhielten. Ansonsten muss der freiheitliche Staat zu einem paternalistischen werden. Das sagte sie nicht, aber es ist die unausgesprochene Konsequenz.

Merkels Rede war eindringlich, fern ab des martialischen Pathos eines Emanuel Macron, der die Franzosen auf Krieg einschwor. Wir sind nicht im Krieg. Sondern in einer Zeit des unbedingten Zusammenhalts und der Solidarität und Achtsamkeit, nicht nur sich selbst gegenüber, sondern den Menschen, die man gar nicht kennt und von deren Tod man nur über die Statistik erfahren wird.

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