Eine andere Bundesliga ist möglich: Eine Vision zum Rückrundenstart

Heue beginnt die Rückrunde der Bundesliga. Sportlich ist sie so spannend, wie lange nicht. Doch es wird immer schwieriger sich mit dem durchkapitalisierten Geschäft zu identifizieren. Zeit für eine Vision: Die gemeinwohlorientierte Bundesliga.

  • Freitag, 17. Januar 2020 / Maximilian Riegel

Heute beginnt die Rückrunde der Bundesliga und schon lange war sie nicht mehr so spannend. Seit gefühlten Ewigkeiten sieht es erstmals so aus, als könnten die Bayern wirklich mal nicht Meister werden. Ein Grund für alle Nicht-Bayern-Fans zu jubeln. Könnte man jedenfalls meinen. Doch jubeln werden nur wenige, denn die Alternative zu den Bayern ist gerade ein Verein, der mit 17 Mitgliedern gar kein Verein ist, sondern für viele die Manifestation all dessen, was den Fußball ihrer Meinung nach so ruiniert: RB Leipzig. Von einem wenig sympathischen Unternehmen finanziell mit Flügeln versehen, den Durchmarsch kalt berechnend, sind die Leipziger ein heißer Kandidat für den Meistertitel.

Der Fußball ist schon lange nicht mehr einfach nur der schöne Sport, die angeblich schönste Nebensache der Welt. Und es gehört zum guten Ton eines jeden Fans über die Millionäre zu schimpfen, ganz gleich, ob er der Paulaner-, Veltins-, Krombacher-, oder Schultheiß-Fraktion angehört. Das große Geld ist nicht erst seit gestern im Fußball, wie die eben erst erschiene Biographie des Historikers Hans Woller über Gerd Müller eindrücklich belegt. Aber die Dimensionen und die Bereitschaft der handelnden Personen das Geld über alles zu stellen, sind dennoch dramatisch gestiegen.

Die Abgrenzung zur Premier League

Maik Nöcker, Moderator bei Sky und Gründer des sehr guten Podcasts Fußball MML, hat vor längerer Zeit auf sport.sky.de einen Kommentar verfasst, in dem er den gegenwärtigen Zustand der Bundesliga anprangert. Die Bundesliga, so seine These, drohe im Hinterherhecheln der Premier League ihren Markenkern zu verlieren. Alles, was die Bundesliga einmal ausmachte, volle Stadien mit günstigen Tickets, tolle Ultra- und Fankultur, gelebte Identität und alles trotz in der Regel spannungsbefreitem Meisterschaftskampf, würden auf der Strecke zu bleiben, wenn Verantwortliche wie Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge die Bundesliga dem globalen, gnadenlosen Raubtierkapitalismus zum Fraß vorwerfen wollen. Die Bundesliga versucht mit der großen englischen Liga mitzuhalten, in dem sie ihr nacheifert, obwohl der Zug längst abgefahren ist. Wirtschaftlich spielt die Premier League auf einem anderen Stern. Doch die Blendkraft der englischen Milliarden macht einige Entscheidungsträger in den Vereinen blind. Sie sehen nicht, dass die Premier League durch die bloße Imitation nicht eingeholt werden kann.

Nöcker fordert stattdessen ein Manifest, ein Grundsatzprogramm, an das sich die Profivereine halten müssen, wollen sie die Lizenz für die Liga erhalten. Dadurch könnte sich die Bundesliga tatsächlich von anderen Ligen absetzen und ein Alleinstellungsmerkmal kreieren. Die Vereine sollten demnach Werte wie Fairness vorantreiben. Der Spielbetrieb sollte nachhaltig konzipiert sein. Die Umweltbelastungen durch Verkehr und Müllproduktion auf ein Minimum reduziert werden. Dazu klare Sponsoring-Regeln: Russische Erdölfirmen, problematische Textilfirmen und autokratische Regime, die WMs ausrichten, ihren Arbeitern aber nur nach und nach Bewegungsfreiheit gewähren wollen sollten keine Werbung in der Bundesliga machen dürfen. Dafür sollte man die politische Ultraszene fördern. Und als letzten Punkt fordert Nöcker eine nachhaltige Jugendarbeit, mit mindestens einem Nachwuchsspieler pro Profikader.

Eine gemeinwohlorientierte Bundesliga?

Dies kann aber noch weitergedacht werden, als Nöcker das tut. Das wirtschaftliche Schlagwort lautet Gemeinwohl-Ökonomie. Das ist kein Hippiewort oder eine Tagträumerfantasie. Das ist jetzt schon gelebte Realität. Das ist unternehmerisches Handeln gedacht auf wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene. Die Wiedereinbettung der Ökonomie in das Soziale. Es gibt weltweit Firmen, größere und kleinere, die ihre Bilanzen nicht nur nach monetären Gesichtspunkten erstellen, sondern nach monetären und ökologischen und solidarischen und gerechten. Geld verdienen ja, aber nicht Geld verdienen um des Selbstzweckwillens.

Wäre das eine Vision für die Bundesliga? Eine gemeinwohlorientierte Bundesliga? Was spräche dagegen? Die Summen, könnte man anführen. Wie soll man Topspieler finanzieren, gerade jetzt, in dem ein Rekordtransfer höchstens eine Saison lang hält. Vielleicht bräuchte es das gar nicht mehr unbedingt. Profi-Fußballer haben in der Regel nur ein paar Jahre Zeit, in denen sie richtig viel Geld verdienen können. Aber die Gehälter haben mittlerweile Dimensionen erreicht, bei denen auch Kicker ohne Rekordgage nicht gleich die Gosse fürchten müssen, wenn sie ihre Schuhe an den Nagel hängen. Warum sollte man nicht versuchen Sportler nicht mit Geld, aber dafür mit gutem Gewissen zu überzeugen. Es gibt Sportler wie Juan Mata, Per Mertesacker oder Kevin-Prince Boateng, die bewiesen haben, dass sie über den Gehaltscheck hinausschauen können. Eine gemeinwohlorientierte Liga für solche Spieler kann attraktiver sein, als ein hochdotierter Vertrag, der mit einer feinen Melange aus Blut und Erdöl aufgesetzt wurde. Diese Spieler setzten sich mit der Liga auseinander und würden ihre Werte leben. Spieler, die sich dann ganz bewusst für die Bundesliga entscheiden, einfach, weil sie das richtige tun wollen. Und ganz ehrlich: solche Spieler will man doch auch lieber sehen. Das Prinzip des Gemeinwohls kann dieser Abgrenzungspunkt zu allen anderen Ligen sein. Das, was die Bundesliga unvergleichbar macht und das, was die Bundesliga wieder bedingungslos liebenswert machen würde.

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