Alternativlos: Zum Dreikönigstreffen in Stuttgart macht Christian Lindner klar, was die FDP an ihm hat

Das Dreikönigstreffen der Liberalen in Stuttgart hat eine Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Wie sich die FDP dort im Jahr 2020 präsentiert, hat jedoch viel mit ihrem Beinahe-Niedergang 2013 zu tun. Von Thomas Philipp Reiter

Dass sich Liberale alljährlich Anfang Januar im Südwesten Deutschlands versammeln, soll auch an die Zeit erinnern, als progressive und reformerische politische Kräfte hierzulande ihres Lebens nicht sicher waren und nach Frankreich und in die Schweiz flüchten mussten. Und so pilgern auch heute noch mehrere Hundert FDP-Mitglieder aus allen Ecken der Republik ins Schwäbische, um von der Parteiführung zu hören, wie es weitergehen soll mit dem Liberalismus in Deutschland. Am Vortag zur Dreikönigskundgebung veranstaltet der Landesverband Baden-Württemberg einen Parteitag, der sich aber vornehmlich mit regionalen Themen beschäftigt. Am Abend geht es dann schon lockerer zu, denn dann haben die Parteimitglieder die Möglichkeit, für 30 Euro eine Eintrittskarte zu einem „Bunten Abend“ zu erwerben. Dafür gibt es lange Schlangen vor einem übersichtlichen Büffet – Getränke kosten extra. Feiernder Liberaler zu sein muss man sich leisten können. 

Bis vor wenigen Jahren fand dieses kleine Jahresfest noch etwas vornehmer im Maritim Hotel in Stuttgart statt. Doch an dieses Haus hat man seit 2012 ungute Erinnerungen und das hat etwas mit einem Dirndl, Rainer Brüderle, Laura Himmelreich und ihrem nachfolgenden Aufschrei zu tun. Von all dem blieb schon ein Jahr später im Jahre 2013 nicht mehr viel übrig, aber von der FDP bei den Bundestagswahlen mit ihrem Spitzenkandidaten Brüderle eben beinahe auch nicht. So verlor die Partei ihre Bundestagspräsenz und sie zog sich auch aus dem Maritim Hotel zurück. Seitdem kommt man am Vorabend von Dreikönig in der Schwabenlandhalle in Fellbach zusammen. Das einzige was dort glänzt sind die weißen Turnschuhe des stellvertretenden Bundestagsfraktionsvorsitzenden Christian Dürr.

Was Linder ausmacht

Ein anderer Christian bringt allerdings ebenfalls Glanz in den Zweckbau: Lindner heißt seit 2013 der unangefochtene Bundesvorsitzende der Freien Demokraten. Und wenn dieser Christian durch die Hallen läuft, läuft ihm inzwischen regelmäßig ein Pulk von Journalistinnen und Journalisten hinterher. Gespräche im Zwielicht von Hotelbars gibt es mit ihm nicht, dafür aber seine klaren und geschliffenen Einschätzungen zur Bundes-, Europa- und Weltpolitik. Das ist es, was Christian Lindner für Medien anziehend macht. Fellbach hin oder her, ins Maritim Hotel zieht ihn nichts zurück.

Nun halten sich viele der anwesenden Funktionsträger der FDP für ziemlich bedeutend, was abhängig vom Herkunftsbundesland sogar stimmen kann. Aber kaum jemand unter ihnen wird jemals bestreiten, dass es Christian Lindner praktisch im Alleingang war, der schon 2013 an die Wiederauferstehung seiner Partei geglaubt hat, mit Unterstützung des charismatischen Grantlers Wolfgang Kubicki aus dem hohen Norden. Kubicki allerdings verzichtet inzwischen auf die Teilnahme am Dreikönigstreffen, „aus Termingründen“, wie es heißt. Übrig bleibt Lindner, der am Dreikönigsvormittag ersehnte Hauptredner auf der Bühne der altehrwürdigen Stuttgarter Staatsoper. Diese ist bis auf den letzten Platz gefüllt, auch das war nach 2013 zunächst ganz anders. Sicher, auch ein Michael Theurer als eloquenter und quirliger Chef des gastgebenden baden-württembergischen Landesverbandes ist ein unterhaltsamer Programmpunkt. Aber schon die Generalsekretärin Linda Teuteberg wirkt auf ebendieser Bühne seltsam blass und verloren. Auch bei ihrer Kleiderwahl scheint sie nicht gut beraten zu sein: Vergleiche mit der frühen Claudia Nolte machen die Runde. Christian Lindner ist es dann, der mit einer pointierten freien Rede die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der mit Ex-SPD-Minister Florian Gerster und Ex-Porsche-Chef Mathias Müller zwei prominente neue FDP-Mitglieder aus dem Hut zaubert. Und der mit seiner bloßen Existenz jede Diskussion um das baldige Ende seiner Amtszeit im Keim erstickt. 

„One-Man-Show“ nennen das die Medien. Eine Show, die sie selbst inszenieren. Dass sich bei jemandem, der sein halbes Leben mit der Rettung der FDP befasst war und derart im Fokus der Aufmerksamkeit steht, zuweilen Ermüdungserscheinungen einstellen, liegt in der Natur der Sache. Aber analytisch, strategisch, rhetorisch bleibt Lindner alternativlos. Wer sollte es auch machen? Derzeit ist niemand in Sicht. Auch um dies klarzustellen, versammelt er die Partei an Dreikönig zum Hochamt in Stuttgart.

Thomas Philipp Reiter ist Geschäftsführer des Medienhauses Brüssel oHG und Herausgeber der Mittelstandsperspektiven. Seit 2011 engagiert er sich im Bundesvorstand Liberaler Mittelstand.

(Foto: Thomas Philipp Reiter)

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