Es ist feierlich in Berlin. Der 9. November steht vor der Tür. Schicksalstag der Deutschen. Vor dreißig Jahren fiel die Mauer. Wie jedes Jubiläum dient auch dieses vor allem der Identitätsbildung. Ein Zeitpunkt sich als Gesellschaft selbst zu reflektieren und (kritisch) zu hinterfragen. Was ist, warum ist es und wieso ist es nicht anders gekommen? Und man kann trefflich Vergleiche ziehen. Beispielsweise zwischen den beiden größten Tageszeitungen der Hauptstadt. Die Tageszeitung und die Berliner Zeitung bilden in ihren Auflagenzahlen immer noch eine Ost-West-Spaltung ab. Wobei Spaltung natürlich zu extrem ist. Dennoch ist es immer noch so, dass der Tagesspiegel hauptsächlich nach wie vor die Westleserschaft bedient, währen die Berliner Zeitung im Osten gelesen wird. Wie gehen sie in ihrer Berichterstattung also den 9. November an?

Aktuelles Staatsoberhaupt und letzter Staatsratsvorsitzende

Der sicher auffälligste Unterschied ist, die Wahl der Partner der größten Interviews. Der Tagesspiegel stattet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einen Besuch in Bellevue ab.Die Kollegen der Berliner Zeitung besuchen Egon Krenz, den letzten Staatsratsvorsitzenden der DDR. Beide beschreiben darin, wie sie die Zeit der friedlichen Revolution, beziehungsweise der Wende, wenn es nach Krenz-Duktus geht, erlebten. Der eine, war mittendrin im Geschehen, der andere schrieb gerade seine Dissertation in Gießen. Steinmeier beschreibt, wie ihn die Erlebnisse damals in die Politik trieben. Die eigentlich geplante wissenschaftliche Karriere gab er, vorerst, wie er damals annahm, auf, um sich als politisch noch stärker zu engagieren. „Meine Träume, mein Werdegang, mein berufliches Wirken haben sich durch die Wiedervereinigung völlig verändert und dafür bin ich heute dankbar.“ Ein Satz, den Krenz auf keinen Fall so für sich unterschreiben würde. Für ihn war die Nacht vom 8. auf 9. November, die „schwerste seines Lebens.“ Er erzählt wie er und seine damaligen Genossen von den Entscheidungen und Erlebnissen überrollt wurden.

In der historischen Aufarbeitung sind sich beide einig und uneinig zu gleich. Im Rückblick sprechen beide davon, dass Geschichte nie alternativlos sei. Allerdings nehmen sie dabei unterschiedliche Aspekte in den Blick. Steinmeier versucht die Treuhandanstalt vor harscher Kritik etwas in Schutz zu nehmen. Zwar spricht er von Entscheidungen, die man hätte anders fällen können. Allerdings ist es für ihn nicht zu Letzt die politische Kommunikation, die versagte. Krenz dagegen spricht von alternativen Abläufen, die es bei der Grenzöffnung hätte geben können. Dass sie ohne Tote oder Verletzte verlief, war keine Selbstverständlichkeit. Noch dazu hinsichtlich der widersprüchlichen Signale, die er aus Moskau bekommen habe. Was Anordnungen aus dem Kreml angeht, ist Krenz sich darüber hinaus sicher, dass historische Abläufe falsch wiedergegeben werden. Steinmeier hatte in seiner Rede anlässlich des 9. Oktobers davon gesprochen, Gorbatschow habe die SED-Führung zur Zurückhaltung gemahnt. Auch im Interview mit dem Tagessspiegel spricht Steinmeier davon und nennt es die „chinesische Lösung“. Laut Krenz stand ein gewaltsames Vorgehen nie zur Debatte. Schließlich habe er durch seine Wende-Erklärung festgelegt, politische Probleme werden politisch und nicht durch Gewalt gelöst.

Demonstrationen und Feminismus

Zwei andere Interviews stehen im Zeichen des zivilen Engagements.Der Tagesspiegel brachte die Fridays for Future Aktivistin Charlotte Tjaben und die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler zusammen. In der Gethsemanekirche tauschten sie sich über ihre Erfahrungen als Protestierende aus. Allerdings handelt es sich dabei Größtenteils um ein Jung fragt Alt. Dabei sprechen sie über die Abläufe der Proteste, welche Rolle Freunde dabei spielen und wie man auch als „Halbwüchsige“ Wirkung erzeugen kann. Allerdings wird nicht so ganz klar, inwiefern die Bürgerrechtsbewgeung und FFF wirklich vergleichbar sind. Etwas spannender ist da schon das Interview, das die BZ mit Katrin Rohnstock und Anne Wizorek führte. Beides Frauen, die in der DDR aufgewachsen sind, sich für die Recht der Frauen einsetzen, aber aus unterschiedlichen Generationen stammen. Rohnstock, 58, war Teil der Bürgerrechtsbewegung und eine der Gründerinnen des Unabhängigen Frauenverbandes der DDR. Wizorek, 38, arbeitet als Medienberaterin. Sie betrieb den Blog kleinerdrei.org und war Initatorin des Hashtags #aufschei. Ihr Blick auf die DDR und die Rolle der Frau darin ist in wesentlichen Punkten verschieden. Für Rohnstock ist klar, dass die Frau, was ihre Sozialisation anging, privilegiert war. Die Verbindung zwischen Familie und Ausbildung war selbstverständlich. Wizorek sieht diese Beschreibung kritischer. Sie glaubt, dass bestimmte Erfahrungen im Nachhinein eher glorifiziert worden seien. „Auch die DDR war ein patriarchal geprägtes Land.“

Und natürlich Fußball

Bei einem der wichtigsten polit-historischen Ereignissen darf natürlich auch nicht die schönste Nebensache der Welt nicht zu kurz kommen. Weder die BZ noch der Tagesspiegel lassen es sich nehmen ehemalige Fußballer und Funktionäre zu Wort kommen zu lassen. Die BZ sprach im Vorfeld des Bundesligaspiels zwischen dem FC Bayern München und Union Berlin mit den beiden Präsidenten Uli Hoeneß und Dirk Zingler. Das Ostvakuum in der Bundesliga ist schon lange ein Thema in der Fußballöffentlichkeit (dem Ausnahmeprodukt RB Leipzig mal abgesehen). Von daher ist es durchaus interessant zu lesen, was die beiden dazuzusagen haben. Beide sind sich darin einig, dass wichtige Entscheidungen verschlafen wurden. Die Vereine der DDR seien nie in ausreichendem Maße integriert worden. Hoeneß beschreibt auch, wie den damaligen Vereinen die Spieler reihenweise weggekauft wurden. Gerade Rainer Callmund, damals Manager von Bayer Leverkusen, habe alles gekauft, was „nicht bei drei auf dem Baum war“. Der Tagesspiegel nun interviewt einen, der genau den anderen Weg gegangen ist. Sergio Allievi war einer der ersten westdeutschen Bundesligaprofis, die von West nach Ost wechselten. 1990 wechselte er vom 1. FC Kaiserslautern zu Dynamo Dresden. In seinen Beschreibungen finden sich einige Darstellungen von Fremdheit wieder. Wenn er beispielsweise beschreibt wie heruntergekommen Dresden damals aussah, dass er zwei Jahre kein Telefon hatte und auch wie anders es war einzukaufen. Er musste für einen Einkaufswagen anstehen. Er erzählt aber auch wie herzlich er aufgenommen worden sei. Insgesamt beschreibt er die zwei Jahre sowohl sportlich als auch privat als gewonnene Jahre.

Fazit

Insgesamt fällt auf, dass die Perspektiven doch recht ungleich verteilt sind. Im Tagesspiegel dominiert klar eine Westperspektive, während der BZ die Ost-Brille aufhat. Beide haben mit Marianne Birthler, beziehungsweise Uli Hoeneß jeweils nur eine Stimme aus dem jeweils „anderen Sektor“.

Als Tipp kann da die Veranstaltung genannt werden, die beide Zeitungen auf die Beine aka Schiene gestellt haben. Am 9. November fährt eine Sonder-U2 von Ruhleben nach Pankow. An Bord sind Redakteure der jeweiligen Zeitungen sowie Zeitzeugen und andere Gäste. Eine gute Gelegenheit also beide Perspektiven nebeneinander zu legen.

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